Jahresausblick 2022: Fortsetzung des Aufschwungs bei hoher Inflation und steigenden Zinsen

| Martin Roßner, Gründer und Geschäftsführer ThirdYear Capital

Aus ökonomischer Sicht war das vergangene Jahr nicht nur von ungewöhnlich hoher Inflation, sondern auch von Divergenzen zwischen den beiden größten Volkswirtschaften geprägt.

Dem Immobilienboom und Inflationsanstieg auf 7 Prozent in den USA standen Insolvenzrisiken beim Immobilienkonzern Evergrande und stabile Inflation bei aktuell 1,5 Prozent in China entgegen.  Entsprechend niedrig die Korrelation zwischen wichtigen Finanzmärkten im Vergleich zu den Jahrzehnten vor der Pandemie. Aktienmärkte, die auch über Länder hinweg meist deutlich positiv korreliert sind, verliefen zeitweise sogar gegenläufig. Dem spekulativen Boom in sogenannten „Meme-Stocks“ und unprofitablen Internetfirmen in den USA standen zwischenjährlich Kursverluste von 60 Prozent in chinesischen Technologie-Indizes entgegen. Die Wachstumserwartungen in Volkswirtschaften wie Brasilien, die besonders von chinesischer Nachfrage abhängen, wurden ebenfalls nach unten korrigiert.  

Dieses Marktumfeld beinhaltet ein erhebliches Normalisierungspotential und erzeugt in 2022 deswegen Chancen für über Länder und Anlageklassen hinweg diversifizierte Portfolios. Die vermehrt auf Inflationsbekämpfung ausgerichtete Geldpolitik in den USA trifft nämlich auf einen weit höheren Spielraum für politische Unterstützung von Wachstum in Asien, insbesondere in China. Dieser Umstand erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Aufschwung dieses Jahr selbst bei unerwarteten Rückschlägen im Pandemieverlauf fortsetzt. Für die eigene Global-Macro-Strategie gibt es deswegen außerhalb der USA neue Investmentchancen, auch in ausgewählten Entwicklungsländern.


Nowcasting-Indikatoren, die von der Global-Macro-Strategie für kurzfristige Vorhersagen von Wachstum und Inflation genutzt werden, zeigen allerdings weiterhin ein vorhandenes Potenzial für überhöhte Inflationsraten in den westlichen Volkswirtschaften. Die von Zentralbanken erwartete Normalisierung von Inflationsraten im zweiten Halbjahr wäre zu optimistisch, falls bei einer möglichen nachhaltigen Überwindung der Pandemie die aufgestaute Nachfrage eine Dienstleistungsinflation erzeugt. Auch der angebotsbeschränkte Arbeitsmarkt wird die Dienstleistungsinflation über Lohnsteigerungen von um die 5 Prozent auf absehbare Zeit weiter anheizen. In den USA macht der Dienstleistungssektor circa 70 Prozent der Wirtschaftsleistung und Inflationsberechnung aus. Aktuell sind die hohen Inflationsraten noch von untergewichteter Konsumgüterinflation getrieben.

Für den wahrscheinlichen Fall, dass Inflation auch im zweiten Halbjahr weit über dem 2-Prozent-Ziel bleibt hat die Fed bereits Zinserhöhungen angekündigt. Für die Ausrichtung von Investmenportfolios empfiehlt sich deswegen weiterhin keine Übergewichtung von zinssensitiven und besonders spekulativen Märkten.


Lesen Sie hierzu außerdem das aktuelle Research von ThirdYear Capital: 

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